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Argentinientripp – Auf in die Pampa

Gepostet am 6. Dez 2011 in Aktuelles, Südamerika

Schließlich gehört Argentinien und die Pampa zusammen, wie ein Gaucho zu seinem Pferd. Der Bus setzt uns am frühen Morgen ab – mitten in der Pampa. Herrlich, der Ort scheint recht verschlafen, keiner nimmt Notiz von uns. Wir sind guter Laune, schnüren unsere Rucksäcke ordentlich und auf geht es ins Abenteuer. Auf einem schmalen Feldweg verlassen wir das Dorf. Zu Fuß wollen wir nach Puelches, das ist das nächste Dorf, das so weit nicht entfernt ist. Höchstens 30 Kilometer, sagt die Karte.

Es wird schlimm …

Wir ahnen nicht, dass wir noch lange an diesen „Höllentrip“ denken werden. Das Dorf liegt nun schon hinter uns. In weiter Entfernung sehen wir einen Gaucho mit zwei Pferden und einem Hund den Weg überqueren und hinter Sträuchern verschwinden. Wie im Film! Wir sind beeindruckt. Die Landschaft öffnet sich bis zum Horizont, vereinzelt stehen Sträucher und Büsche. Der schmale Weg besteht jetzt aus harter Erde und Sand. Es wird zunehmend anstrengender, wir spüren die 20 kg Gepäck, die jeder mit sich herum trägt. Wir reden nicht mehr viel, jeder hängt seinen Gedanken nach und immer öfter greifen wir zur Trinkflasche. Fast unmerklich ist die Temperatur auf über 30 C gestiegen, kein Baum, der Schatten spendet, nur dornige Sträucher. Es ist kein Ende in Sicht.

Schließlich machen wir Halt und überlegen. Laut Karte müsste in ca. drei Kilometer Entfernung, fast parallel zur Straße ein Fluss entlang fließen. „Wollen wir versuchen den Fluss zu finden?“ fragt mein Freund. Ich nicke, meine Füße schmerzen, mein Hemd klebt am Körper. Unser Wasservorrat hat rapide abgenommen. Wir lassen unser Gepäck am Wegesrand zurück, nehmen nur die Trinkflaschen und gehen Richtung Fluss. Der Weg führt an endlosen Zäunen entlang, die die Rinderherden vom Rest der Pampa trennen sollen. Keine Menschenseele weit und breit, nur dornige Sträucher, Sand und ab und zu eine Eidechse, die flink unseren Weg kreuzt. Ich glaube wir sind schon Stunden unterwegs, unsere Schritte werden schleppend und vom Fluss ist nichts zu sehen. Langsam macht sich bei uns beiden Nervosität breit. Vielleicht auch Angst und Wut über unsere Dummheit! Mit einem leichten Zittern halten wir unsere Trinkflaschen hoch, nur noch wenige Schluck Wasser sind übrig.

Achtung Lebensgefahr

Die Sonne hat ihren höchsten Punkt schon überschritten, es ist unerträglich heiß. Wir beschließen den Rückweg anzutreten und zu unserem Gepäck zurück zu kehren. Wieder etliche Kilometer Fußmarsch, wir haben kein Wasser mehr und fühlen uns erbärmlich. Die Rucksäcke liegen verlassen da, fast kriechen wir vor Durst, Hunger und Hitze. Meine Gedanken kreisen nur noch um ein Thema: Trinken, Wasser, Trinken, Wasser, Durst. Ich glaube mein Verstand setzt aus, ich kann nicht mehr, kein anderer Gedanke ist in mir. Meinem Freund geht es ebenso, doch zu zweit gibt man nicht so schnell auf. Gott sei Dank, unser Satellitentelefon liegt im Rucksack. Nun wird alles gut. Ein Hilferuf geht an die Deutschen Botschaft in Buenos Aires, von dort wird die örtliche Polizei benachrichtigt und unsere Rettung naht – denken wir.

Sie naht langsam, sehr langsam. Die Sonne beginnt zu sinken, aber noch ist es hell. Wir warten. Der Durst quält uns schrecklich. Wir binden unsere Hemden an Stöcke und rammen sie mit letzter Kraft in den Boden, vielleicht kann man uns so in der Weite der Pampa besser finden. Es ist still um uns, bis auf die kleinen zirpenden, krabbelnden und kriechenden Geräusche, die ich wahrscheinlich nur in meiner Fantasie höre. Wir sitzen auf dem ausgedörrten Boden, ein stacheliger Strauch ist unser Schutz vor der Hitze und warten.

Fete auf Argentinisch

Fete auf Argentinisch

Schüsse in der Pampa

In der Ferne hören wir Polizeisirenen. Dann wieder Stille. „Sie finden uns nicht“, dieser Satz hakt sich in meinen Gedanken fest. Erschöpft warten wir. Plötzlich Schüsse! Was ist das? Wir heben die Köpfe. Mein Freund springt auf, reißt den Stock aus der Erde und schwenkt das daran befestigte Hemd wie eine Signalfahne. Keine zehn Minuten später sehen wir den ersten Polizisten, die Pistole hält er noch in der Hand, mit der er in die Luft geschossen hatte. Er lacht und hilft uns beim Zusammenpacken. Mit unserem Gepäck folgen wir ihm mühsam in Richtung Straße. Dort warten noch 4 Polizisten, die uns „Gringos“ freundlich begrüßen. Wir sind gerettet. Sie reichen uns eine Flasche. Ah – so herrlich hat Wasser noch nie geschmeckt. Die Polizisten schauen uns zu, laden uns in ihre Wagen und fahren los. Am Horizont verschwindet die Sonne.

Während der Fahrt erzählt der Komissario allerlei von der Pampa. Er hat so seine Erfahrungen mit ahnungslosen Touristen und ich spüre in seiner Rede einen leisen Vorwurf. Wir dürfen diese Nacht in der Polizeistation von La Reforma übernachten. Am nächsten Morgen ruft uns der Komissario persönlich zum Frühstück. Es gibt Mate-Tee und eine Art Blätterteig-Gebäck. Viele neue Gesichter erscheinen auf der Station, als wir beim Frühstück sitzen und alle begrüßen uns freundlich. Sie wollen unsere Geschichte hören und es ist ein Durcheinander – Geplapper und Lachen und viele klopfen uns auf die Schultern. Als sie gehen, haben sie genügend Gesprächsstoff, um über die tolle Rettungsaktion zu berichten.

Fete auf Argentinisch

Am Abend sind wir eingeladen zu einer argentinischen Fete. Alle essen viel Fleisch, dann wird Mate durch die Runde gereicht, es ist eine angenehme und lustige Stimmung. Mit Händen und Füßen versuchen wir uns zu verständigen. Wohin soll es gehen? werden wir gefragt und dann gibt es viele Ratschläge, welch berühmte Stellen wir unbedingt ansehen sollten. Uns schwirrt der Kopf. Zum Glück kann der Chef der Polizeistation etwas englisch. Natürlich wird unser Pampa- Abenteuer auch an all diejenigen weiter erzählt, die es noch nicht kennen. Man klatscht sich auf die Schenkel vor Freude und uns zum wiederholten Male auf die Schultern. Aber das ist okay. Und wieder trinken wir Tee. Man sagt, Mate trinkt man nur mit guten Freunden, ja genauso fühlen wir uns auch inmitten dieser Menschen. Als wir uns am nächsten Tag verabschieden, geschieht es laut, herzlich und gestenreich. Der Komissario umarmt uns sogar und drückt einen dicken Kuss auf unsere Wangen. Sein Schnurbart kratzt.

Wir sitzen wieder am Busbahnhof und warten. Gerade fliegt über uns ein Schwarm Papageien hinweg. So was gibt es hier! Toll!

Foto: Travelglobe.de