Categories Menu

Camino Choro – Auf einfache Wege schickt man nur die Schwachen

Gepostet am 27. Dez 2010 in Aktuelles, Südamerika

Es war gegen 6 Uhr morgens als die Tür des Kleinbusses zuschlug und wir uns schließlich allein auf 4.700 m Höhe befanden. Es war ein nasskalter und trüber Morgen und damit eigentlich das perfekte Wetter um sich nochmals tief in sein Bett zu mummeln und weiterzuschlafen. Wir aber machten uns auf den Weg, den Camino Choro zu beschreiten, einen Pfad, der uns aus knapp 5.000 m Höhe mit einer rauen und unwirtlichen Umgebung bis auf 1.300 m in einer warmschwülen Urwaldlandschaft führen sollte.

In 1.300 Metern Höhe

Unser Weg brachte uns jedoch zuerst weiter bergauf. Unter „nahezu“ sauerstofffreier Umgebung war jeder Schritt mühsam und mit über 15 Kilo Gepäck eine Belastungsprobe für Körper und Geist. Nicht wenige Male versagten mir die Kraft und der Wille weiter voran zu schreiten. Und so hatten wir kauf Augen für die uns umgebende Landschaft. Glücklicherweise gab es außer Geröll, kleinen dunklen Teichen und vereinzelten schneebedeckten Flächen kaum etwas Spannendes zu sehen. Hier jedoch immer weiter bergauf strebend, trafen wir auf einen Mann mit seinem Kind, die einen Esel mit sich führten. Leider waren unsere Aymara- und ihre Deutschkenntnisse auf demselben Niveau, sodass eine Verständigung unmöglich war. Folglich boten wir Bonbons an, die gerne mit beiden Händen ergriffen wurden. Danach trennten sich unsere Wege und die drei Besucher verschwanden wieder im dichten Nebel aus dem sie gekommen waren.

Schließlich erreichten wir die schneebedeckte Spitze des Passes und damit den höchsten Punkt unserer Reise. Hier nun umgab uns harscher Schnee und andauernder undurchdringlicher, weißer Nebel. Doch schon nach einigen Kilometern Fußmarsch riß wie als Willkommensgruß die Nebelwand auf und gestattet uns einen kurzen aber beeindruckenden Blick auf das andine Bergmassiv, das sich bisher so erfolgreich verborgen hatte. Wir standen an der Spitze eines gewaltigen Tales, dessen glatte, tiefschwarze Felswände sich zu beiden Seiten weit über hundert Meter in die Tiefe erstreckten. Kleine Schmelzwasserbäche stürzten zahllos von schneebedeckten Kuppen über die Felswände hinab und verloren sich als feiner Regen in der Tiefe. Am Grund des Tales erblickten wir einen grünen Teppich aus frischem Gras, auf dem einige Tiere weideten. Diese Tiere waren jedoch weder Kuh, Schaf noch Ziege, sondern die hier heimischen Lamas, die in ihrer abgestammten Umgebung weitaus eleganter wirkten als ihre Artgenossen in europäischen Zoos und Tierparks.

Eine Straße zum Nachtlager

Dem Pfad folgend betrachteten wir alsbald eine aus Naturstein gepflasterte Straße. Die Steine schienen hier so perfekt, dass es schwer fiel zu glauben, dass bereits über Jahrhunderte hinweg unzählige Menschen vor uns diesen Weg beschritten haben sollen. Mehrmals kamen wir durch kleinere Siedlungen deren Häuser meist aus demselben Material gebaut waren und man konnte sich einem Gefühl der Einsamkeit und der Zeitlosigkeit nicht erwehren. Die Menschen schauten uns mit vorsichtigem Interesse und leichtem Unverständnis an. Jedoch begegnete man uns stets mit Freundlichkeit und niemals hatte man das Gefühl unwillkommen zu sein.

Mit jeder Minute, die wir nun vorwärts strebten, schlug uns erneut eine Nebelwand mit schier unerschöpflichen Schauern und einer klammen Kälte entgegen. Aber auch mit jedem Schritt, den wir nach vorne setzen, wurden die Pflanzen links und rechts des Weges üppiger und zahlreicher. Auch mehrten sich die Sekunden, in denen wir am Himmel die Sonne erblickten konnten wo wir doch bereits überzeugt waren, dass dies hier nie geschehen würde.

Der Tag 2 in “San Francisco”

Schon am zweiten Tag unserer Wanderung befanden wir uns inmitten einer wuchernden Dschungellandschaft, in der schwüle, heiße Temperaturen mit kühlen, heftigen Niederschlägen schneller wechselten, als man sich hätte umziehen können.

Der kleine Bach, welchen wir am ersten Tag in der Talsohle müde belächelt hatten, war nun zu einem gewaltigen, kalten und reißenden Strom angeschwollen, der uns durch diese undurchdringliche Landschaft als dritter Weggefährte treu begleitete. Am späten Nachmittag dieses zweiten, blasenreichen Tages erreichten wir kraftlos und ausgezehrt „San Francisco“. Es war eine kleine Siedlung mitten im Dschungel, mitten im Nirgendwo, mit nur wenigen Hütten und einem einzigen Bewohner, einem älteren Mann, der uns freundlich willkommen hieß.

Atemberaubender Ausblick

Nachdem wir das Zelt aufgebaut und unsere durchnässte Kleidung zum Trocknen aufgehängt hatten, war endlicht Zeit, die Landschaft und die Ruhe dieses Ortes zu fassen. Und während das Essen im Topf eifrig vor sich hin köchelte, bot sich uns ein Anblick, der alle schmerzenden Knie und alles geschundenen Füße mehr als ausglich. Wir blickten auf ein endloses, waldbedecktes Tal und sahen, wie Neben aus Regionen die noch vor uns lagen, langsam aber beständig heraufzog. Die Sonne warf ihre letzten Strahlen in das Tal und färbte den Himmel, die Pflanzen und den Nebel rötlich golden ein. Und während wir den Zauber und das Farbenspiel des Abends genossen und begierig die letzten Reste unseres Essens aufklaubten, umfing uns eine wohltuende und verdiente Müdigkeit. Geschafft und doch vom Tage aufgewühlt, krochen wir in unsere Schlafsäcke, und in Gedanken an all das Erlebte, aber auch an unsere Lieben, die wir zurückließen, schliefen wir ein. Morgen würde uns der Weg weiter führen und uns neue Wunder und mehr Erstaunen darbieten, denn unsere Reise war noch lange nicht zu Ende!