Categories Menu

Ein Schäfer ohne Puli, ist wie Ungarn ohne Sonne

Gepostet am 10. Aug 2009 in Aktuelles, Europa

Heute geht es um eine kleine Geschichte, welche ich auf einer Ungarnreise erlebt habe. Sie handelt diesmal nicht von Gurken, sondern von Sandor und seinem braven Puli.

Schon näher an der Puszta

Unsere Fahrt mit dem Auto geht weiter in östliche Richtung. Es ist heiß im Auto, weil die Klimaanlage noch immer kaputt ist. Aber die Menschen hier halten diese Temperaturen auch aus, also wische ich mir eben im Minutentakt den Schweiß von der Stirn.
Vor uns ändert sich die Landschaft, es wird flacher, das Alföld beginnt. Wenn wir zurück schauen, sehen wir noch die sanften Hügel des Matra-Gebirges. Hier im Alföld fließen Theiß und Bodrog. Die Theiß, in Ungarn wird sie Tisza genannt, führt als großer Fluss durch eine weite Ebene. Sie schlängelt sich bedächtig durch die Landschaft Richtung Süden, während die kleineren Flüsse, wie Bodrog, Sajo und noch andere, quirlig und rasch das Wasser zu ihr hinführen.

Wir sehen auf den Weiden und in den Dörfern endlich Ziehbrunnen. Alte hölzerne Gestelle, teils schon außer Dienst und zerfallen, manchmal aber sehen wir auch das Auf- und Niedersenken des Holzbalkens und hören das erfrischende Strömen von klarem, kühlen Wasser.
Noch immer ist der Ziehbrunnen ein typisches Symbol der ungarischen Puszta. In den kleinen Dörfern werden sie aber fast vollständig ersetzt durch einfache Brunnen, dabei wird der mit Wasser gefüllte Schöpfeimer mit einer Kurbel aus dem Brunnen geholt. Meistens verwendet man im Haus sowieso die normale Wasserleitung, wie bei uns auch. Wir machen Halt bei Familie Csorba in der Nähe eines kleinen Flusses.

Der brave Puli

Aber hallo, bitte Puli nicht verwechseln mit dem Wort Pulli. Während der eine im Kleiderschrank liegt oder wir ihn gerade tragen, so hat der Puli ganz andere Aufgaben. Gerade liegt er zu meinen Füßen und schnüffelt an meinen Zehen.
Er hat ein schwarzes wirres Fell, das so dicht ist, dass man seine Augen kaum sehen kann. Der Tag war anstrengend für ihn. Bei glühender Hitze ist er verantwortlich für den Zusammenhalt von über 500 Schafen. Tag für Tag, egal ob stürmischer Wind oder unerträgliche Temperaturen herrschen. Er erledigt seine Aufgaben mit Feuereifer und taktischem Geschick. Sein Herrchen liebt er abgöttisch.

Wir sitzen träge im kühlen Schatten neben Mariska, die für das Mittagessen gerade das Suppengemüse putzt. Ihr Blick wandert verdächtig oft zum Gartentor. Der Puli tut es ihr nach. Was ist los?
Nach und nach erfahren wir es: Onkel Sandor ist in der kocsma (ungarisch für Kneipe). Oh je – und das zu so früher Stunde. Mariska hat da so ihre Erfahrungen. Sie erzählt uns die Geschichte vom Hund – dem Puli, der gerade friedlich zu unseren Füßen liegt.

Ein idyllisches Bauernhaus in Ungarn

Ein idyllisches Bauernhaus in Ungarn

Onkel Sandor hat Durst

Vorigen Sommer war es, beginnt Mariska und lacht ein wenig. So heiß wie heute und ihr Blick geht zum strahlend blauen Himmel. Sandor, ihr Mann war die ganze Nacht auf der Weide bei den Schafen gewesen. Natürlich hatte auch der Puli aufmerksam und fleißig seinen Dienst getan und sein Herrchen hatte ihn sogar gelobt und seinen Kopf getätschelt.
Als sie nach Hause kommen, sind beide müde, aber Mariska hat noch eine Aufgabe. Schnell soll noch etwas eingekauft werden in dem kleinen Laden, der sich knapp 5 Minuten vom Haus entfernt befindet. Beide, Herrchen und Hund machen sich auf den Weg. Es ist schon ziemlich warm an diesem Morgen. Mariska lacht wieder in sich hinein, dann erzählt sie weiter.
„Ich habe nicht daran gedacht, dass neben dem Laden ja auch die Kneipe ist“ sagt sie und ihre Stimme wird strenger.
Gegen Mittag hat es ihr dann gereicht, Sandor ist immer noch nicht da. Sie geht los. Na klar – er sitzt in der Kneipe und sein Gesichtsausdruck sagt einiges.
„Ich habe ihn nach Hause gebracht, geschimpft und gezetert. Nachdem er drei Stunden seinen Rausch ausgeschlafen hat, konnte er endlich wieder richtig nachdenken. An den Hund habe ich die ganze Zeit nicht gedacht.“

Eine Reise durch Ungarn - doch wo ist der Puli?

Eine Reise durch Ungarn – doch wo ist der Puli?

Wo ist der Puli?

Sandor denkt nach. Es stellt sich heraus, dass er dem Hund befohlen hatte, vor der Kneipe auf einer verdorrten Rasenfläche zu warten. Dabei hatte er ihn streng angesehen- das war ein Befehl! Seine alte Arbeitsjacke hatte er neben dem Hund abgelegt. Dann war er in die Kneipe gegangen, dort wollte er nur schnell ein kühles Bierchen trinken, anschließend den Einkauf tätigen und nach Hause zu seiner lieben Frau Mariska gehen. Aber das Bier war so herrlich, auch das zweite hatte seinen Durst noch nicht gelöscht. Ach was, eines geht immer noch!

In dem Moment klappt das Hoftor, Onkel Sandor kommt, der Puli springt auf und begrüßt sein Herrchen Schwanz wedelnd. Wie ging es weiter, drängle ich?
„Sandor wird es dir sagen“ meint Mariska und geht mit dem geputzten Gemüse ins Haus. Der Ungar ziert sich nicht lange. „Na ja – es war gerade die größte Hitze, so gegen 14:00 Uhr. Ich bin zurück zur Kneipe, der Hund lag noch immer an derselben Stelle, die Pfoten auf der Arbeitsjacke.
Die Wirtsleute wollten ihn in den Schatten locken, haben ihm Wasser gebracht, aber sobald sie näher kamen, hat er sie angeknurrt und seine weißen Zähne gezeigt. Er hat es überstanden, war eben sehr durstig, der Junge.“ Sandor legt seine Hand auf den Rücken des Puli`s und ich spüre förmlich den Stolz des Hundes. Das ist sein Chef – für ihn würde er alles tun, auch mal eben vier Stunden in der heißen Sonne liegen und eine verschwitzte Arbeitsjacke bewachen.

Fotos: K. Sebök